Konjunktureinbruch verstärkt Liquiditätskrise - Insolvenzen und Verschuldung steigen

Trotz erster Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung steht die Wirtschaft vor einer neuen Liquiditätskrise. Firmenzusammenbrüche und Zahlungsausfälle gefährden in der Folge viele weitere Unternehmen. In diesem Jahr rechnet der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V. (BDIU), Berlin mit rund 35.000 Unternehmensinsolvenzen (2008: 29.291). Gleichzeitig steigt die private Verschuldung wieder an. Grund ist die weiter ansteigende Arbeitslosigkeit. In ihrer traditionellen Herbstumfrage melden die 540 Mitgliedsunternehmen des BDIU, dass Arbeitslosigkeit, Überschuldung und die Wirtschaftskrise die Hauptgründe für ein aktuell deutlich schlechteres Zahlungsverhalten der Verbraucher sind.
 
Die Rechnungstreue in Deutschland hat sich im Zuge der Wirtschaftskrise deutlich verschlechtert. In ihrer traditionellen Herbstumfrage, die die 540 Mitgliedsunternehmen des Bundesverbandes Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V. (BDIU), Berlin, jetzt durchgeführt haben, berichten 96 Prozent der Teilnehmer, dass das Zahlungsverhalten aktuell genauso schlecht oder sogar noch schlechter ist als im Frühjahr. Nur 4 Prozent der befragten Inkassounternehmen haben eine Besserung beobachtet. Besonders negativ ist dabei die Rechnungstreue privater Schuldner. Ihnen attestieren 50 Prozent der Umfrageteilnehmer ein aktuell schlechteres Zahlungsverhalten. 43 Prozent melden, dass sich die Rechnungstreue gewerblicher Schuldner im Vergleich zum Frühjahr noch einmal verschlechtert habe.
 
"Die allmählich wieder anspringende Konjunktur bringt noch keine positiven Impulse für das Zahlungsverhalten", so Wolfgang Spitz, Präsident des BDIU, bei der Vorstellung der Herbstumfrage am Donnerstag in Berlin. "Im Gegenteil: Der historisch beispiellose Einbruch der Wirtschaftsleistung hat die Liquidität von Unternehmen und Verbrauchern deutlich geschmälert. Die Folgen bekommen die Gläubiger erst jetzt massiv zu spüren, und das Schlimmste steht eher noch bevor. Unsere Mitgliedsunternehmen spüren diese Entwicklung unmittelbar – wie ein Seismograf."
 
Insolvenzen steigen kräftig
 
Zunehmende Zahlungsschwierigkeiten werden nach Erwartung der Inkassounternehmen die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in diesem Jahr auf rund 35.000 steigen lassen – 2008 waren es noch 29.291. Auch für das nächste Jahr erwartet der BDIU steigende Insolvenzzahlen. "Ob wir in 2010 eine neue Rekordmarke sehen werden, lässt sich derzeit noch nicht mit Gewissheit ausschließen", so Spitz. 2003 hatte es 39.230 Unternehmensinsolvenzen gegeben, so viele wie nie in der deutschen Nachkriegsgeschichte. "Der aktuelle Konjunktureinbruch ist zwar historisch beispiellos – aber es ist zum Glück nicht ganz so schlimm gekommen wie befürchtet. Der leichte Aufschwung kommt jetzt sogar früher als ursprünglich erwartet, und gerade der Mittelstand, insbesondere das Handwerk, zeigt sich als robuster Motor unserer Volkswirtschaft."
 
Dennoch bestehe kein Grund zur Entwarnung. "Die Liquidität der Unternehmen ist stark ausgetrocknet, viele Gläubiger müssen inzwischen immer länger auf das ihnen zustehende Geld warten. Besonders besorgt uns, dass sich die Insolvenzen nun nicht mehr nur auf bestimmte Branchen oder Unternehmensgrößen konzentrieren." So hatte sich das Insolvenz-geschehen in den vergangenen Jahren vor allem bei kleinen Unternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten abgespielt, darunter viele junge Firmen. Deren Anteil an den zusammengebrochenen Unternehmen sinkt nun. Neben großen traditionsreichen Unternehmen wie Arcandor, Märklin und Schiesser sind auch immer mehr mittelgroße, am Markt etablierte Unternehmen von Insolvenzen betroffen. "Die aktuelle Erholung steht noch auf sehr tönernen Füßen", so Spitz, "sie findet auch nicht in allen Bereichen gleichermaßen statt."
 
Besonders schwierig sei die Liquiditätssituation der Unternehmen im Handwerk, in der Dienstleistungsbranche und im Baugewerbe. In der Herbstumfrage berichten 65 Prozent der Teilnehmer, dass das Handwerk insgesamt zurzeit besondere Probleme mit dem Zahlungsverhalten seiner Kunden hat. 63 Prozent bemängeln die Rechnungstreue der Kunden der Dienstleistungsbranche, 51 Prozent nennen das Baugewerbe.
 
Zahlungsausfälle verursachen Zahlungsausfälle
 
Grund für diese Entwicklung ist neben der Wirtschaftskrise vor allem auch ein Dominoeffekt. Dieser entsteht, wenn durch verzögerte und ausbleibende Zahlungen der Kunden die Zahlungsfähigkeit des Gläubigers wiederum massiv bedroht wird. Insbesondere Insolvenzen von Auftraggebern und Lieferanten bringen viele Firmen jetzt in Bedrängnis. 77 Prozent der Inkassounternehmen melden, dass hohe Zahlungsausfälle bei eigenen Kunden der Grund sind, warum gewerbliche Schuldner Rechnungen aktuell nicht bezahlen können. 61 Prozent nennen einen momentanen Liquiditätsengpass – vor allem verursacht durch die Wirtschaftskrise.
 
"Bedenklich bleibt in diesem Zusammenhang auch die Unterkapitalisierung vieler Unternehmen", so Spitz. 58 Prozent der Inkassounternehmen melden, dass die Ausstattung mit zu wenig Eigenkapital der Grund ist, warum gewerbliche Schuldner ihren Zahlungsverpflichtungen aktuell nicht nachkommen. "Eigenkapital sollte eine Firma in guten wirtschaftlichen Zeiten aufbauen und sich damit zur Abfederung von Rückschlägen ein Polster verschaffen. Leider müssen wir jetzt feststellen, dass viele Unternehmen diese Chance in den vergangenen Aufschwungjahren verpasst haben", berichtet Spitz.
 
Appell an die Banken
 
Hinzu kommen die mit dem Konjunktureinbruch verbundenen Probleme: So melden 64 Prozent der Umfrageteilnehmer, dass ausbleibende Zahlungen gewerblicher Schuldner eine direkte Folge der Wirtschaftskrise sind, 58 Prozent nennen eine schlechte Auftragslage.
 
37 Prozent berichten von abgelehnten Kreditfinanzierungen, die Auftraggeber aktuell daran hindern, Gläubigern ihre berechtigten Forderungen zu begleichen. "Hier sind auch die Banken in der Pflicht", mahnt Spitz. "Viele von ihnen haben substanzielle Unterstützung durch den Staat, aber auch durch günstige Leitzinsen der Europäischen Zentralbank erhalten. Dieses Geld müssen sie nun zu realistischen Konditionen den Unternehmen zur Verfügung stellen – damit durch Arbeit wieder Geld verdient werden kann. Ob wir nun schon eine Kreditklemme haben oder erst kurz davor stehen, ist für den Unternehmer, dessen Kreditantrag abgelehnt wird, nicht entscheidend – unternehmerische Tätigkeit muss gefördert und darf nicht behindert werden. Hier sind die Banken systemrelevant für unsere soziale Marktwirtschaft, und sie müssen ihrer Verantwortung gerecht werden."
 
Auch bei Geschäften mit privaten Verbrauchern werden Unternehmen zunehmend mit Zahlungsverzögerungen und -ausfällen konfrontiert. Die wichtigsten Ursachen dafür sind laut der Herbstumfrage Überschuldung (85 Prozent der Inkassounternehmen bestätigen das) und Arbeitslosigkeit (83 Prozent). "Der weiter zu erwartende Anstieg der Arbeitslosigkeit wird das Zahlungsverhalten weiter verschlechtern", warnt der Verbandspräsident. "Unsere Erfahrung zeigt: Arbeitslosigkeit ist nicht der einzige, aber sehr häufig der auslösende Grund für Zahlungsprobleme privater Schuldner – bis hin zum Einstieg in eine Überschuldungsproblematik."
 
Überschuldungsrisiko wächst wieder
 
Das wachsende Überschuldungsrisiko – aktuell gelten bundesweit rund 3 Millionen private Haushalte als überschuldet – wird in der Folge auch zu einem Anstieg bei den Verbraucherinsolvenzen führen. In diesem Jahr erwarten die Inkassounternehmen rund 110.000 Anträge überschuldeter Verbraucher auf eine Entschuldung durch die Gerichte – nach 98.140 im vergangenen Jahr. "Dabei handelt es sich nur um die Spitze des Eisbergs", so der BDIU-Präsident. Denn seit der Einführung des Verfahrens im Jahre 1999 haben erst gut 500.000 Privatpersonen einen Insolvenzantrag gestellt in der Erwartung, ihre wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu überwinden. Dazu kommen noch einmal rund 300.000 Personen, die zum Beispiel als Gesellschafter und als ehemalige Selbstständige zahlungsunfähig geworden sind. Für viele Schuldner sei die private Insolvenz und die einvernehmliche Einigung mit ihren Gläubigern ein gangbarer Weg, um wieder am wirtschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Allerdings müssten dabei die Gläubigerinteressen gewahrt werden. "Hiervon sind zahlreiche Arbeitsplätze abhängig", argumentiert Spitz. Schon heute handele es sich bei der überwiegenden Mehrheit der Verbraucherinsolvenzen um sogenannte Nullpläne, bei denen die Gläubiger völlig leer ausgehen. "Der Grundsatz von Treu und Glauben muss wieder fest in unserem Wirtschaftsleben verankert werden", fordert Spitz. "Das heißt: Wenn jemand eine Ware bestellt oder eine Dienstleistung anfordert, muss klar sein, dass er das auch zu bezahlen hat. Aktuell berichten 56 Prozent unserer Mitgliedsunternehmen, dass private Schuldner Rechnungen absichtlich zu spät oder auch gar nicht bezahlen. So kann unsere Wirtschaft nicht funktionieren."
 
Finanzkompetenz stärken
 
Wichtig seien in diesem Zusammenhang mehr Maßnahmen zur Schuldenprävention, insbesondere eine Stärkung der Finanzkompetenz. "Wir machen die Erfahrung: Viele überschuldete Privatpersonen haben schon länger den Überblick über ihre finanziellen Verhältnisse verloren. Sie kaufen ein, bestellen im Internet und nehmen Kredite auf, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob und in welchem Zeitraum sie alle diese Zahlungsverpflichtungen bedienen können", berichtet Spitz. Das ist auch ein Problem vieler junger Menschen." In der Umfrage melden 50 Prozent der Inkassounternehmen, dass das Zahlungsverhalten junger Erwachsener (18 bis 24 Jahre) "eher schlechter" als das von über 25-Jährigen sei. Häufiger Grund ist ein schlechtes Vorbild des Elternhauses (79 Prozent der Umfrageteilnehmer bestätigen das) sowie eine unzureichende Thematisierung des Umgangs mit Geld und Schulden in den Schulen (58 Prozent). "Hier wollen und hier müssen wir ansetzen", fordert Spitz. "Wir wünschen uns daher, dass der Umgang mit Geld und Schulden in den Schulen stärker thematisiert wird, als das bislang der Fall ist."
 
"Der eigenverantwortliche, mündige Verbraucher muss gestärkt werden", ergänzt der Verbandspräsident, "dazu gehört die Aufklärung über Verbraucherrechte genauso wie die Mahnung an die Einhaltung der Pflichten, die im Geschäftsverkehr entstehen. Nur wenn wir uns das bewusst machen, können wir der Krise gemeinsam erfolgreich begegnen."
 
Quelle: BDIU

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